Als „Human Safari“ wird eine gezielte russische Terrorkampagne gegen die Zivilbevölkerung in der ukrainischen Stadt Cherson bezeichnet. Seit Mai 2024 setzen russische Militäreinheiten Drohnen mit Handgranaten und anderen Sprengsätzen ein, um bewusst Zivilisten anzugreifen. Laut einem Bericht einer UN-Menschenrechtskommission aus Oktober 2025 wurden dabei mindestens 200 Menschen getötet und über 2.000 verletzt. Dieser Text entspricht meinem Beitrag auf der Mahnwache „Stop Human Safari“ am 13. Dezember 2025 in Leipzig.
Wer sich den Nachrichten der letzten Jahre – also seit dem Überfall Russlands auf die gesamte Ukraine – nicht völlig verschlossen hat, braucht keine Erinnerung an die Gräuel, die Russland über die Ukraine bringt. Sie treffen Soldatinnen und Soldaten und auch die Zivilbevölkerung.
Und doch ist die Erinnerung an dieses Leid offensichtlich noch immer nötig. Bis heute – und gerade hier in Sachsen – wird immer wieder behauptet, Friede brauche mehr Diplomatie und Entgegenkommen, vielleicht sogar Gebietsabtretungen. Und nun hören wir dasselbe aus den USA, von einem früheren Verbündeten. Was wir von dem Terror Russlands gegen die Zivilbevölkerung in Kherson erfahren haben, zeigt noch einmal ganz deutlich: Wo Putins Russland herrscht, dort herrscht kein Friede. Dort regieren Gewalt, Leid, Unterdrückung und Tod.
Ich kann Menschen verstehen, zumal junge Menschen, die diese Wahrheit nicht an sich heranlassen möchten. Es gibt doch schon so viele Krisen: Heute fürchten junge Menschen um ihre wirtschaftliche Zukunft. Vor wenigen Jahren waren es Corona und massive Freiheitseinschränkungen, die gerade Heranwachsende belasteten. In der Zukunft droht die Klimakrise. Und nun also auch noch die Bedrohung des Friedens in Europa durch ein feindliches Russland?
Ich selbst bin in einer Zeit aufgewachsen, in der militärische Bedrohungen verschwunden schienen. Wir waren – wie man sagte – von Freunden umzingelt. Die damals noch bestehende Wehrpflicht, gegen die ich selbst leidenschaftlich stritt, war für uns ein Relikt vergangener Zeiten. Dass wir heute über Kriegstüchtigkeit und eine Wiedereinführung der Wehrpflicht sprechen, macht natürlich Menschen Angst, insbesondere denen, die davon betroffen sein könnten. Doch zeigen Berichte wie die aus Kherson, was uns Expertinnen und Experten schon lange sagen: Nicht mit Zugeständnissen, sondern nur mit Stärke lässt sich der Bedrohung begegnen. Und ich möchte konkret hinzufügen: die einzigen Wege, unsere eigene Sicherheit zu gewährleisten und eben nicht das Schicksal der Soldatinnen und Soldaten der Ukraine zu erleiden, ist: Konsequente Unterstützung der Ukraine in ihrem Freiheitskampf und die Stärkung der eigenen Wehrhaftigkeit.
Putins Überfall auf die Ukraine war eine Reaktion nicht auf militärische Bedrohung, sondern auf das Freiheitsstreben selbstbewusster Europäerinnen und Europäer, die sich dem Machtbereich Russlands entziehen und Teil eines freien Europas sein wollten. Es gibt nichts, was Putins Russland so verhasst ist wie die Werte des modernen Europas. Und dafür müssen wir nicht interpretieren und auslegen. Putin, Medwedew, Dugin und Konsorten sagen dies in aller Offenheit.
Wir sehen in diesem Krieg und an Gräueltaten wie denen in Kherson das Wesen dieses Hasses. Und wir sehen, worin sich Putins Russland und unser Europa unterscheiden: Während in Russland Menschen als Masse und als Ressource gesehen werden, der Einzelne eben nichts zählt, hat sich die Europäische Union, hat sich das moderne Europa einem einzigartigen Projekt verschrieben: Jedes Individuum solle als eigenständiges, freies Wesen mit eigener Biografie, mit eigenen Lebensträumen und Hoffnungen gesehen werden. Jeder Mensch besitzt einen unschätzbaren Wert, wofür wir im Deutschen das Wort Würde benutzen. Nicht zufällig sind es bei uns dieselben, die diese Würde jedes einzelnen Menschen im Inneren ablehnen, die auch auf der Seite Russlands und Putins stehen.
Seit Jahren verteidigt die ukrainische Armee dieses europäische Projekt gegen die russische Aggression. Es wäre die wichtigste Aufgabe anderer europäischer Länder – also insbesondere Deutschlands –, der Ukraine so gut wie möglich beizustehen. Zu lange wollten wir diese Aufgabe den USA überlassen. Heute sehen wir, dass nur wir unsere Freiheit und Sicherheit in einem freien und geeinten Europa verteidigen können.
Auch Deutschland macht hier seit Jahren zu wenig. Das liegt nicht an der Fähigkeit oder der Größe der Aufgabe. Länder wie Estland und Norwegen haben im Verhältnis zu ihrer Wirtschaftskraft deutlich mehr Unterstützung ermöglicht. Es fehlen Entschlossenheit und der politische Wille. Dabei steht nicht weniger auf dem Spiel als die Zukunft Europas.
Dieses Europa ist stark, wenn es zusammenhält und seine Freiheit und seine Vision einer offenen, freien Gesellschaft verteidigt. Dazu braucht es Entschlossenheit. Dazu braucht es europäischen Zusammenhalt. Und dazu müssen wir uns vor Augen führen, dass es Europäerinnen und Europäer wie wir sind, die in Kherson und anderswo unter russischem Terrorismus leiden.
Gemeinsam für ein starkes, freies Europa!
Slava Ukraini!